Am 10. Juni verstarb mit 92 Jahren in seinem Schweizer Domizil Jean Ziegler, bei Gründung von Business Crime Control e.V. 1991 ein Mitglied der ersten Stunde.

Spätestens seit dem Ende seiner Studienzeit und dem ersten Aufenthalt in Afrika als Assistent eines Sonderbeauftragten der UNO wurde er mit dem Hunger und dem Elend vor Ort konfrontiert, was seine Denk- und Handlungsweise grundlegend veränderte.

In seiner Dankesrede zur Verleihung des Preises von ethecon, der Stiftung Ethik und Ökonomie an ihn im Jahr 2012 bezeichnete Jean Ziegler den weltweiten Hunger als „Massenmord, der Komplizen hat und der morgen früh aus der Welt geschafft werden könnte“. Ziegler wurde nicht müde, diese Komplizen zu benennen: „Zehn internationale Konzerne beherrschen, kontrollieren heute 85 Prozent aller gehandelten Nahrungsmittel…

Es sind diese Konzerne, die jeden Tag entscheiden, wer isst und lebt, oder wer hungert und stirbt.“ Und: „Das ist normal und legal. Konzerne funktionieren nach Profitmaximalisierungsstrategien. (…) In der kannibalischen Weltordnung des Kapitalismus geht es um strukturelle Gewalt und nicht um psychologische Motivation. Es geht um die strukturelle Gewalt und die muss gebrochen werden.“

Dafür engagierte sich Jean Ziegler auf vielen Ebenen: Als Wissenschaftler und Professor in Genf und Paris, als Abgeordneter im Schweizer Nationalrat, als Berater der UNO für Menschenrechte, insbesondere dem Recht auf Nahrung, aber auch als Unterstützer der in seinen Worten „planetarischen Zivilgesellschaft“ in Form des Weltsozialforums und anderer NGOs, auf die er seine Hoffnung setzte.

Der Ehrenvorsitzende von BCC, Prof. Dr. Hans See formulierte es in seiner Laudatio auf Jean Ziegler 2012 so:

„Ziegler zeigt großen Mut, bewundernswerte Zivilcourage. Er setzte schon früh seine Existenz für die Freiheit des Wortes aufs Spiel. Und er hat nie aufgehört zu zeigen, dass Revolutionen möglich und notwendig sind, und dass Bürger- und Menschenrechte – trotz aller Niederlagen und reaktionärer Unterdrückung – durchsetzbar sind. Die Besiegten, und er meint nicht nur die Besiegten der Dritten Welt, (…) sind für Ziegler Hoffnungsträger. In ihren Befreiungskämpfen, ihrer Emanzipation, ihren möglichen Siegen, (…) sieht er die bessere Zukunft, die andere Welt, die möglich ist. Alles, was Ziegler erforscht, was er lehrt, wofür er kämpft, steht im Dienst dieses einen großen Ziels: des Siegs der Besiegten.“

2012 sah Jean Ziegler den „Aufstand des Gewissens“ noch bevorstehend. Das ist in Zeiten  einer angeblichen „Zeitenwende“ gleichzeitig einfacher und schwieriger geworden: Einfacher insofern, als die Widersprüche unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems deutlicher denn je zutage treten, wenn die sozialen Errungenschaften heftiger denn je seit den Hartz-Gesetzen der Militarisierung geopfert werden sollen. Schwieriger insofern, als gleichzeitig das mediale Dauerfeuer zunimmt, dies alles zu rechtfertigen.

Deshalb mahnte Ziegler schon 2012, wie wichtig es ist, zu diskutieren, „wie diese Legitimationstheorien funktionieren und wie sie öffentliche Meinung weitestgehend beherrschen. Der theoretische Klassenkampf, wie Sartre sagt, den haben wir nicht verloren, aber wir sind sicher derzeit auf der minoritären Seite. Es gibt den materiellen Klassenkampf, das wissen Sie; und es gibt den theoretischen Klassenkampf, der ist ebenso wichtig. Es ist der Kampf um die Legitimationstheorien der Herrschaftsklassen-Praxis. Diesen theoretischen Klassenkampf, den müssen wir mit aller Intensität führen, wenn es um das tägliche Massaker des Hungers geht.“ Und der Hunger steht hier stellvertretend für die Krisen und Wirtschaftsverbrechen unserer Zeit.

Für den Vorstand von Business Crime Control

Herbert Storn, Vorsitzender